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Dezember 2007
Nochmals Senegal
Für uns waren die Erfahrungen in Senegal schockierend. Wir waren auf die hier herrschenden Verhältnisse kaum bis gar nicht vorbereitet. Von gutgläubigen Leuten aus gewissen Kreisen wird eine Umverteilung von Vermögen als eine Lösung der Probleme in Afrika angesehen. Wir können diese Gedanken jedoch nicht nachvollziehen. Vor einer Umverteilung von Vermögen muss ein Umdenken stattfinden, sonst würde eine solche Aktion in eine enorme Vermögensvernichtungsaktion ausarten. Familien haben häufig bis zu 16 Kinder, für die es später keine Arbeit und somit kein vernünftiges Auskommen gibt. Für den Moment sehen wir keine Lösung des Problems. Leben könnten wir auf jeden Fall nicht in diesem Land.
Die Atlantiküberquerung
Wir bestätigten wieder mal den uralten Merksatz:
Segeln ist die teuerste und unbequmste Art, an einen Ort zu reisen, an den man gar nicht hinwollte.
Doch der Reihe nach. Die meisten Segler fahren entweder von den Kanaren, den Kapverden oder von Senegal mit dem Nordostpassat in die Karibik. Dabei überqueren sie den Aequator nicht. Mit etwas Glück stellen sie die Segel einmal ein und holen sie erst wieder bei Ankunft herunter. Unser Ziel war jedoch Salvador in Brasilien, welches auf etwa 13 Grad südlicher Breite liegt. Wir mussten also den Aequator und damit die Intertropische Konvergenzzone (ITCZ) kreuzen. Das ist eine Zone, so ca. 300 bis 500 Meilen breit, in welcher der Nordostpassat und der Südostpassat zusammentreffen (konvergieren). Die Franzosen nennen dieses Gebiet den"Pot au noir", man kann das Wetter nur kurzfristig vorhersagen. Es kann tagelange Flauten oder auch lokale Gebiete mit Starkwind und starken Niederschlägen geben. Dabei darf der Aequator nicht zu weit westlich gekreuzt werden, weil man sonst im Südostpassat hart an den Wind muss. Anderseits nimmt die Breite der ITCZ von Afrika gegen Brasilien hin ab. Wir hatten anfangs eher schlechtes Wetter mit Wind bis 35 Knoten und Wellen von vier bis fünf Meter, wir kamen jedoch gut voran. Dort ging beihnahe ein Schiff aus unserer Flotte verloren, weil seine Ruderachse brach und das Ruder sich auf Nimmerwiedersehen verabschiedete. Es konnte in den hohen Wellen nicht mehr gesteuert werden. Ein Schiff der senegalesischen Marine schleppte den Segler ca. 80 Meilen nach Dakar zurück, wo es repariert wird.
Im Pot au Noir mussten wir einige Zeit motoren, ein starker Regen spülte zum Glück den Dreck von Senegal herunter, wir waren mit häufigem Segelwechsel beschäftigt. Die lokalen Niederschlagszonen sind sehr gut auf dem Radar sichtbar, mit etwas Glück kann man sie umfahren. Einmal steckten wir aber zehn Stunden in einem Niederschlagsgebiet mit stark wechselnden Winden und auch viel Regen. Wir mussten uns unseren Weg zum Aequator verdienen.
Der Aequator
Diese imaginäre Linie auf dem Globus darf erst nach einem Reinigungsritual überquert werden. Der Dreck der Nordhalbkugel muss abgewaschen werden, worauf der Wachführer den Mitgliedern seiner Wache die Aequatortaufe verabreicht. Von meinem Bruder erhielten wir vor der Abreise ein Aequator-Überquerungs-Kit mit allen Zutaten wie einem Dreizack des Neptun. Bei unserer Überquerung hatten wir recht viel Wind und einiges an Wellen, so mussten wir ein abgekürztes Verfahren anwenden, was wir aber nicht weniger feierlich vornahmen. Wir dankten Neptun für die gute Fahrt bisher mit einem Schluck Champagner (im Kit enthalten). Auch unser Schiff erhielt einen Schluck nach bretonischer Manier über die Achse des Steuerrades. Die erste Überquerung des Aequators mit dem Schiff ist für alle Seeleute ein besonderes Erlebnis, das gebührend gefeiert wird.
Ruderpanne
Wir rechneten für die Überfahrt ca. zweieinhalb Wochen und waren noch vier Tage von Salvador entfernt, als Eva mit einer schlimmen Nachricht aufwartete. Auf Überfahrten wird nicht von Hand gesteuert, diese Arbeit wird vom Autopiloten übernommen. Wenn dieser durch Winddrehungen vom Kurs abkommt, gibt er einen Alarm. Das war an diesem Abend kurz vor dem Einnachten der Fall. Eva wollte von Hand korrigieren und das Schiff wieder auf Kurs bringen. Aber das Steuerrad drehte wie ein frisch geöltes Leiterwagenrad leer durch. Ruderpanne. Wir holten sofort die Segel runter und starteten die Motoren, wobei zu allem Überfluss der Backbordmotor streikte. Durch den asymmetrischen Antrieb des Steuerbordmotors konnte das Schiff mit der Notpinne kaum gesteuert werden, die wir in der Zwischenzeit montiert hatten. Auch ein Überbrücken der Starterbatterie half nichts. Mit dem wichtigsten Werkzeug an Bord (Hammer) verabreichte ich der Antriebswelle einen satten Schlag für den Fall, dass sich das Getriebe blockiert hatte. Auch der Anlasser erhielt die selbe Behandlung, und siehe da, der Diesel sprang sofort an.
Grosse Beratung und Beurteilung unserer Situation. Wir hatten noch etwa einen halben Liter Hydrauliköl an Bord, den wir ohne sichtbaren Erfolg ins System einfüllten. Über Funk fragten wir die Schiffe in der Nähe wegen Hydrauliköl an. Da wir aber nicht wussten, wieviel wir benötigen würden und wo das Leck war, nahmen wir Kurs auf Recife, dem nächsten Hafen. Zeit dorthin: ca. 40 Stunden. Wir wussten bald mal, dass wir nicht vier Tage steuern von Hand bis Salvador durchhalten würden. So setzen wir den Kurs nach Recife ab. Für uns ist der Totalausfall der Ruderanlage praktisch der zweitschlimmste Fall nach einem Wassereinbruch. Das Steuern mit der Notpinne ist eine Sache für beide Hände und einigermassen anstrengend. Erschwerend kam dazu, dass wir von der Notpinne aus den Steuerkompass nicht sehen konnten. Also steuerten wir nach Sternen, das Sternzeichen Orion wies uns lange Zeit den Weg. Nach ca. 10 Stunden beschwerte sich Eva, dass der Autopilot immer noch Alarme von sich geben würde. Mir kam der Gedanke, dass die Hydraulikpumpe des Autopiloten, die sich im Hydraulikkreis tief unten befindet, möglicherweise genügend Öl zum Steuern haben könnte. Und es funktionierte. Der Autopilot steuerte uns unter Motoren bis nach Recife. Dort antwortete uns niemand auf unsere Funkrufe, obwohl das ein recht grosser Handelshafen ist. So tasteten wir uns in dem für uns unbekannten Hafen bis zu einer Werft weiter, wo wir anlegten. Damit waren wir auf unbequeme Weise an einem Ort angelangt, wo wir gar nicht hinwollten (siehe Merksatz!).
Weiteres Problem: wir hatten kein brasilianisches Geld. Ein Mann brachte mich mit seinem Motorrad bis zu einer Bank, wo mir erklärt wurde, dass ich mit meiner Karte nur auf dem Flugplatz Geld abheben könnte. Also brachte mich der Mann zum Flugplatz, von dort zu einer Autogarage, wo wir genügend Öl kauften, und dann zum Schiff zurück. Das war der bisher gefährlichste Teil unserer Reise, diese Fahrt in rasendem Tempo durch den dichten Verkehr. In der Zwischenzeit wurde unser Schiff unter Mitarbeit von etwa 20 Werftarbeiter auf brasilianische Art (sehr hilfsbereit, aber mit viel Geschrei) umplatziert, weil der Steg, an dem wir anlegten sehr baufällig ist, und durch unser Schiff beihnahe weggerissen wurde. Unser Bier- und Cocavorrat nahm dabei sehr stark ab. Nach einer ruhigen, erholsamen Nacht füllten und entlüfteten wir das Hydrauliksystem und nahmen dann die letzen drei Tage bis Salvador in Angriff.
Die Ankunft in Salvador
Wir planten unsere Ankunft so, dass wir am Morgen ankommen würden, weil wir keine Hafeneinfahrt bei Nacht brauchen. Wir meldeten uns über Funk an und wurden mit einem anderen Schiff, das gleichzeitig eintraf, zum Steg geleitet. Um unseren privaten Abschluss der Überfahrt zu feiern, liessen wir dem anderen Schiff den Vortritt und fuhren beide je eine Acht vor dem Hafen. Das machen wir traditionsgemäss immer als Abschluss einer grossen Fahrt. Im Hafen erwarteten uns alle Teilnehmer des Rallies und halfen beim Anlegen. Eine Frau in Landestracht band uns Glücksbänder um das Handgelenk und hiess uns in Brasilien willkommen. Darauf wurde sofort ein Caipirinha gebracht, der uns prompt auch gleich einfuhr und alle Müdigkeit vertrieb. Eine Atlantiküberquerung mit einem Segelboot hat für einen Segler wohl den gleichen Stellenwert wie die Besteigung eines Viertausenders für einen Alpinisten.
Die Überfahrt war ein grosses Erlebnis für uns. Zufrieden mit unserer Leistung und auch dankbar, dass alles gut ging, machten wir am Steg fest. Unser Wachplan bewährte sich auch auf dieser langen Fahrt, wir waren bei der Ankunft nicht übermüdet.
Im Landesinneren
Um etwas von Brasilien zu sehen, buchten wir als Gruppe von acht Personen nach einigen Tagen Erholumg in der Marina Terminal in Salvador eine viertägige Exkursion in einen Nationalpark, in die Diamantina. Dort wurden bis vor etwa zehn Jahren Diamanten abgebaut. Jetzt ist es ein Naturschutzgebiet.
Wir hatten einen Führer, einen älteren Mann, der aber noch sehr gut zu Fuss war, trotzdem er nur Sandalen trug. Auch wir mussten uns als Bergziegen betätigen, obwoh wir eigentlich nicht zum Wandern gebaut sind. Der Guide vermittelte uns viel Wissen über die Geologie, die Botanik und anderes. Am ersten Tag hatten wir gerade Zeit, unser Gepäck im Hotel zu deponieren, bevor wir ein Flussbett hochstiegen, um relativ hoch oben eine Dusche unter einem Wasserfall zu nehmen. Anstrengend, weil von Stein zu Stein gehüpft werden musste. Am zweiten Tag kam es ganz dick: zuerst erklommen wir einen Tafelberg, der ziemlich genau 100 Meter aus der Ebene in die Höhe ragt, was in eine dreistündige Kletterei ausartete. Darauf ging es sofort in eine riesige Tropfsteinhöhle (Lapa Doce), und das noch vor dem Mittagessen. In dieser Höhle sind unglaublich grosse Tropfsteinformationen zu besichtigen, die geschützt und damit noch unbeschädigt sind. Die ersten unserer Gruppe zeigten dabei bereits deutliche Konditionsmängel. Nach dem Essen wanderten wir zu einem Wasserfall, um zu baden. Ein unglaubliches Programm aber zum Glück schleppen wir nun nach der fünfmonatigen Reise einige Kilo weniger mit uns herum. Am dritten Tag konnten wir in einer Höhle im glasklaren Wasser schwimmen und wanderten wieder durch ein Flussbett zu einem Wasserfall. Das Programm des vierten Tages war so, dass gerade nur noch einer aus der Gruppe mitging, der dann promt total geschlissen zurückkam.
Ausblick
Wir bleiben bis Anfang Februar 2008 in Salvador. Wir verbringen somit unsere erste Weihnacht weitab von unserer Familie im Kreis der Teilnehmer des Rallies.
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